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Schnaps und SchĂŒrze

Miss Platnum ist die Balkan-Soul-Queen aus Berlin

Ruth Maria Renner spricht mit einem leichten Berliner Akzent, ein schwerer rumĂ€nischer ist aber auch gar kein Problem. Die 27-jĂ€hrige SĂ€ngerin sitzt mit Jeans, Flipflops und hochgesteckten Haaren in einem CafĂ© in Berlin-Kreuzberg und sieht unauffĂ€llig aus, so ganz in Zivil. Auf der BĂŒhne ist sie: Miss Platnum, eine Balkan-Diva mit lĂ€ndlichen Wurzeln und Pop-Glamour, die sich auf Fotos nur mit Pelzjacke und Diadem zeigt - oder beim GĂ€nsefĂŒttern.

Nach einer gefloppten Platte und manch anderen erfolglosen Versuchen als R&B-SĂ€ngerin Fuß zu fassen, dĂ€mmerte es der gebĂŒrtigen RumĂ€nin Renner, die auf einer Wetterstation in den Karpaten aufwuchs und als 8-JĂ€hrige nach Berlin kam: Sie musste einfach zu sich selbst stehen. „Ich wollte R&B mit diesem Balkan-Ding verbinden“, sagte sie sich und entschied, fortan das „R“ gefĂ€hrlich zu rollen.

Inzwischen hat ihre Kunstfigur auch eine eigene Biographie. Miss Platnum ist eine selbstbewusste Frau, die ihre begnadete Stimme einsetzt, um Forderungen zu stellen. Sie will einen Mercedes („Mercedes Benz“), sie will ohne Gewissensbisse essen („Give me the food“), und sie will heiraten, um von zu Hause wegzukommen - möglichst einen Mann aus dem Westen („Come Marry Me“). Das alles verpackt sie in extrem partytaugliche R&B- und Dancehall-Beats, in die immer wieder Balkan-BlĂ€sersĂ€tze eingestreut werden.

Zum Konzept gehört auch eine detailverliebte BĂŒhnenshow: La Platnum umrahmen zwei Background-SĂ€ngerinnen, die keck, aber mit ernstem Blick ihre SchĂŒrze schwingen, wĂ€hrend die Chefin selbst ihrem Publikum selbstgebrannten Schnaps ausschenkt. Im Hintergrund stehen drei Blasmusiker, auf deren Krawatten ein großes „P“ prangt. Dahinter liefern ein Schlagzeuger und ein DJ mit Laptop und Percussion das GerĂŒst der Songs. Die Band sieht aus, als habe man die Crew des amerikanischen Rap-Superstars 50 Cent mit einer Zigeunerblaskapelle und einem Hausfrauenchor in einen Raum gesperrt.

Verschont wird niemand. Miss Platnum spielt mit den rumĂ€nischen TrĂ€umen vom goldenen Westen genauso wie mit dem Bild, das sich der Westen von RumĂ€nien macht. Und sie nimmt ein GeschĂ€ft aufs Korn, das gerne auch magersĂŒchtige MĂ€dchen in Serie verschleißt und gleichzeitig verzweifelt nach wiedererkennbaren Persönlichkeiten sucht. Das eigentlich Erstaunliche am Unternehmen Miss Platnum ist jedoch, dass Ruth Maria Renner die Sache so scheinbar mĂŒhelos gelingt.

Vor kurzem, erzĂ€hlt Renner, war sie zum ersten Mal nicht einfach zum Urlaub oder auf Familienbesuch in RumĂ€nien, sondern als Musikerin. Bevor sie ihre Songs allerdings im Radio und im Fernsehen vorstellen konnte, musste sie eine Menge Misstrauen zerstreuen. Nicht wenige hatten den Verdacht, sie könnten es mit einem weiblichen Borat zu tun haben. Der britische Komiker und Filmemacher Sacha Baron Cohen hatte im vergangenen Jahr fĂŒr Aufsehen gesorgt, weil er Teile seiner Kinosatire „Borat“ in einem rumĂ€nischen Dorf unter dem Vorwand gedreht hatte, an einer Dokumentation ĂŒber Armut zu arbeiten. Im Film erschienen die Bewohner schließlich jedoch als kasachische Vergewaltiger, Prostituierte, Diebe, Dummköpfe und Rassisten. In ihrem Fall konnte Ruth Maria Renner allerdings fĂŒr AufklĂ€rung sorgen: „Nachdem genau geprĂŒft worden war, wer ich ich bin und wie Miss Platnum gemeint ist, haben am Ende alle gemerkt, dass es nicht bloß ein lustiges Projekt ist, das sich irgendein deutscher Produzent ausgedacht hat. Manche waren dann sogar ein bisschen stolz auf mich.“

In Berlin ist Miss Platnum nicht so völlig aus dem Nichts aufgetaucht. Dass einige der Dancehall-Beats mit ihrer schweren Betonung auf der Eins ein wenig an die Berliner Dancehall-Helden Seeed erinnern, ist kein Zufall. Hinter dem Team Die Krauts, das Miss Platnums Album „Chefa“ produziert hat, verbergen sich DJ Illvibe und Monk, die beide schon bei Seeed dabei waren, und auch Miss Platnum und ihre Background-SĂ€ngerin Grace haben bereits auf Seeed-StĂŒcken mitgewirkt. DJ Illvibe wiederum ist der Sohn des Freejazz-Pianisten Alexander von Schlippenbach und spielt mit Miss-Platnum-Schlagzeuger Roy bei Lychee Lassi, einer der eigenwilligsten Berliner Improvisations-Bands.

Es ĂŒberrascht deshalb nicht, dass „Chefa“ mit schönen musikalischen Details gespickt ist. Auf „Sinking Boat“ etwa hört man zum langsam rollenden Galeeren-Beat die Schiffsplanken knarzen, und „Voodoo“ ist eine R&B-Ballade, die mit einem grandios schrĂ€gen Klaviersolo lakonisch ausklingt. Hinter Miss Platnum scheint eine Musikerin mit einem weiten Horizont zu stecken. Gebt ihr das Essen!

Martin Kaluza

SĂŒddeutsche Zeitung, 2007

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