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Die Mauern von Derry

Wie eine nordirische Stadt sich selbst als Touristenziel entdeckt.

Das nordirische Derry hat Touristen viel zu bieten: eine einzigartige Kathedrale, ein ehemaliges Tor zur Neuen Welt, viel Geschichte und Kultur und vor allem eine Stadtmauer, von der aus man all das erkunden kann. Das war nicht immer so, denn Derry war auch der Schauplatz des Bloody Sunday, und die Wacht├╝rme der britischen Polizei ├╝berblickten noch lange von der Mauer aus die katholische Bogside. Heute jedoch finden hier interessante Touristenf├╝hrungen statt.

John McNulty redet schnell. Innerhalb einer Stunde m├Âchte der Fremdenf├╝hrer die Stadtmauer umrundet haben. Es gibt viel zu erz├Ąhlen. Manchmal bleibt er gar nicht erst stehen. Er l├Ąuft dann r├╝ckw├Ąrts vor den Besuchern her und spult seine Erkl├Ąrungen ab. Dabei pfeifen ihm Wind und Nieselregen um die Ohren. Wenn Touristen nach Derry kommen, dann nicht wegen des Wetters.

Die Stadtmauer aus dem 17. Jahrhundert ist der Dreh- und Angelpunkt der Tour. Von hier aus l├Ąsst sich in jeder Himmelsrichtung ein St├╝ck der Stadt erkl├Ąren: der Hafen, die katholische Bogside, die protestantische Waterside und das ├Ąlteste noch genutzte Geb├Ąude Irlands: die Kathedrale Sankt Columba. Drei Meter ist die Mauer m├Ąchtig, anderthalb Kilometer lang und rundum begehbar. Ein Bauwerk wie dieses gibt es in Irland und Gro├čbritannien kein zweites Mal. Die Stadt k├Ânnte ber├╝hmt sein f├╝r ihre Mauer. Doch bekannt ist Derry vor allem wegen des Bloody Sunday. Der Tag war ein Wendepunkt in der Geschichte Nordirlands.

Am 30. Januar 1972 erschossen britische Soldaten 14 Demonstranten irischer Abstammung, die f├╝r B├╝rgerrechte, bessere Wohnungen und gegen Diskriminierung protestierten. Fast drei├čig Jahre dauerte der Konflikt, der sich danach in Nordirland ausbreitete, ein B├╝rgerkrieg zwischen Unionisten und Nationalisten, zwischen probritischen und proirischen bewaffneten Gruppen. Das meiste Blut vergoss die IRA, die Irisch-Republikanische Armee. Ihre Bomben gingen nicht nur in Derry und Belfast hoch, sondern auch in Birmingham und Manchester.

Aoibheann Mullan hat diese Zeit in Derry erlebt. Sie ist Irin, stammt aus Dublin und kam vor 35 Jahren nach Derry. Aoibheann spricht flie├čend Italienisch und Deutsch und unternimmt seit 1999 Stadtf├╝hrungen. Dabei war Derry - wie Nordirland allgemein - lange kein Pflaster f├╝r Touristen.

    Wenn man in der Republik zum Beispiel einen Mietwagen fuhr, konnte man diesen Mietwagen nicht nach Nordirland fahren, weil hier sehr viele Autos einfach geraubt wurden, in Barrikaden in Flammen gesetzt oder benutzt f├╝r Waffentransporte. In Kriegszonen konnten viele Reisegesellschaften nicht gehen. Und au├čerdem: Die Touristen, die in der Republik ihren idealisierten Urlaub dank dem Einfluss von B├Âlls Irischem Tagebuch - diesen sch├Ânen Urlaub in einer sch├Ânen Landschaft verbringen konnten und gewohnt waren, jedes Jahr nach Irland zu kommen, f├╝r die war Nordirland ein anderes Gebiet.

Doch seit ein paar Jahren kommen die Besucher. Und sie interessieren sich nicht nur f├╝r die schroffe K├╝stenlandschaft, sondern wollen etwas ├╝ber den Nordirlandkonflikt erfahren. F├╝r die Reisef├╝hrer in Derry ist das eine Herausforderung. Wie sieht die Stadt sich heute selbst? Kann man ihre Geschichte erkl├Ąren, ohne f├╝r eine Seite Partei zu ergreifen?

Derry lag immer mittendrin im Konflikt. Er ist so alt wie die Stadtmauer. Im Jahr 1608 war Derry als englische Handelsgarnison gegr├╝ndet worden. Damals bauten Londoner Gesch├Ąftsleute die Mauer, um ihre Investition zu sch├╝tzen. An dieser Stelle gab es schon seit ├╝ber tausend Jahren eine Klostersiedlung mit dem Namen Derry. Die Engl├Ąnder machten daraus "Londonderry". Englische und schottische Siedler - in der Regel Protestanten - verdr├Ąngten die irischen Bewohner - vor allem Katholiken. Unterdessen wurde die Stadt am Foyle River zum wichtigsten Hafen f├╝r Auswanderer und den Handel mit der Neuen Welt.

Am Namen der Stadt scheiden sich bis heute die Geister. Auf den Hinweisschildern entlang der Landstra├če aus Belfast steht die offizielle Version: "Londonderry". Auf den meisten Schildern haben Sprayer das "London" durchgestrichen. Wer sich aus S├╝dirland n├Ąhert, liest auf den Schildern "Derry" und "Doire", den alten g├Ąlischen Namen. Die Stadtverwaltung hat vor ein paar Jahren eine R├╝ckkehr zum Namen "Derry" beschlossen, doch die Queen hat den Beschluss nie best├Ątigt. Ein Souvenirladen in der Innenstadt hat die Frage ganz pragmatisch gel├Âst: Er verkauft Postkarten in zwei Versionen: Mit dem Aufdruck "Londonderry" und mit "Derry". Das Motiv ist dasselbe.

Wer heute nach Derry reist, erkennt kaum noch, dass hier einmal bewaffnete Konflikte ausgetragen wurden. Mit dem Karfreitagsabkommen begann vor zehn Jahren ein Friedenprozess, der das Leben in der Stadt ver├Ąndert hat. Die IRA hat sich zum Waffenstillstand verpflichtet. Die Wacht├╝rme der britischen Polizei, die noch vor einem Jahr von der Stadtmauer aus die Bogside ├╝berblickten, sind abmontiert. Die neu formierte nordirische Polizei ist nicht mehr schwer bewaffnet. Sie bem├╝ht sich um ein Freund-und-Helfer-Image. Aoibheann Mullan berichtet ihren Besuchergruppen davon.

    Dass diese Wachposten verschwunden sind, macht viel aus. Wir sind es immer noch nicht gewohnt, diese Leere zu sehen, denn wir haben drei├čig Jahre lang Wacht├╝rme und Stacheldraht und diese Pr├Ąsenz bemerkt. Es war sehr beklemmend, denn wir erinnerten uns noch an Hubschrauber, die ├╝ber den H├Ąuserd├Ąchern kreisen, und gepanzerte Wagen in den Stra├čen. Dass die Soldaten verschwanden, war sehr sch├Ân eigentlich. Denn man hatte immer Angst, dass sie angeschossen werden konnten, wenn man in ihrer N├Ąhe war. Oder hinter einem Milit├Ąrfahrzeug fahren mit Kindern im Auto, das war sehr be├Ąngstigend.

Einige ├ťberbleibsel erinnern jedoch noch an die Zeit. Wandmalereien, die f├╝r die eine oder andere Seite Partei ergreifen; die Peaceline, ein Zaun, der die protestantische Enklave "The Fountain" von der katholischen Umgebung abtrennt; die angemalten Bordsteine - je nach Stadtteil in den Farben der Republik Irland oder in denen Gro├čbritanniens.

Michael Cooper unternimmt F├╝hrungen durch die Bogside, den katholischen Teil der Stadt. Er zeigt die Orte, an denen sich 1972 der Bloody Sunday ereignet hat. Die meisten anderen Touristenf├╝hrungen in der Stadt sind ihm zu unpolitisch. Auf seinen eigenen bezieht er deutlich Stellung.

    Jedes Mal, wenn die britische Regierung f├╝r ihr Vorgehen hier kritisiert wurde, hat sie gesagt: 'Wir k├Ânnen nichts tun, wir stehen zwischen zwei Fronten, die sich wegen eines theologischen Disputs aus dem 18. oder 19. Jahrhundert bek├Ąmpfen.' Doch damit hat das gar nichts zu tun. Im Grunde bek├Ąmpften sich hier zwei Seiten wegen ihrer Identit├Ąt. Die Protestanten werden als die Siedler gesehen, die Katholiken als die urspr├╝nglichen irischen Bewohner. Es ist eine Folge der Siedlungspolitik. Religion hat damit nichts zu tun. Sie gibt der britischen Regierung nur die M├Âglichkeit zu sagen: 'Es ist nicht unsere Schuld.' Wir sehen das genau andersherum: Sie haben die Siedler hergeschickt, diese Gegend wurde zur Kolonie f├╝r die britische Regierung, und sie haben den Kolonisten geholfen, f├╝r die n├Ąchsten 400 Jahre die Kontrolle ├╝ber die irischen Bewohner zu behalten, und das war die Saat f├╝r den modernen Konflikt. Wir erw├Ąhnen das immer zu Beginn, denn es ist eine ganz andere Interpretation als das, was Sie auf vielen glatt geb├╝gelten Touren zu h├Âren bekommen.

Coopers Tour endet am Free-Derry-Museum. Das Museum zeichnet die Geschichte der B├╝rgerrechtsbewegung in Derry nach und hat den Bloody Sunday dokumentiert. Ausgewogenheit geh├Ârt nicht zu seinen Zielen. Die Opfer der IRA werden in dem Museum nicht erw├Ąhnt. Dennoch ist ein Besuch interessant. Hier wird zwar nur eine Seite der Geschichte erz├Ąhlt, doch es ist eine Seite, die in Gro├čbritannien jahrzehntelang kaum gezeigt wurde.

Die Wunden sind noch lange nicht verheilt in Derry. Wer die Stadt heute besucht, kann jedoch beobachten, wie eine Gesellschaft die alten Konflikte ├╝berwindet, ohne sie einfach zu verdr├Ąngen. Die Reisef├╝hrer der Stadt ├Âffnen den Besuchern auf ganz unterschiedliche Weise den Blick - mit historischen Geschichten, mit pers├Ânlichen und mit politischen. Dass sie den Besuchern ihre Stadt von der Mauer aus erkl├Ąren k├Ânnen, ist nicht selbstverst├Ąndlich. Der Fu├čweg auf der Stadtmauer war bis vor wenigen Jahren gesperrt - aus Angst vor Heckensch├╝tzen.

Text und Foto: Martin Kaluza

Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang (2008)

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