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Eine ganz knappe Kiste

Wie sich der HSV im Pokal bei den Bayern denn doch wieder geschlagen gibt. Ein Spielbericht

Jeder billige Pkw hat Nebelscheinwerfer. Die sind etwas tiefer angebracht als das normale Abblendlicht und leuchten sozusagen unter dem Nebel durch, dann sieht man obenrum mehr. In unseren teuer aufgestellten Fußballarenen ist man auf den Trick noch nicht gekommen, mit den bekannten Folgen. Die Fernsicht ist nicht die beste, gerade in einem weitläufigen Stadion. Andererseits kann es ja auch ganz atmosphärisch sein. Carpenteresk – wer’s mag.

So viel war am 3. Dezember 2003 im Olympiastadion dann aber doch zu sehen: Es war kaum jemand da. Hatte ich mich in der Zeit vertan? Es konnte doch nicht sein, dass die Bayern-Fans sich einen solchen Leckerbissen entgehen ließen – gegen den Traditionsverein und gefühlten internationalen Spitzenklub von der Waterkant. Nah, konnte wohl doch. Sollten schon sehen, was sie davon haben. Für den Fall, dass Geschichte geschrieben wird, wollte ich jedenfalls dabei sein. Den Kollegen hatte ich es schon lange vorher in den Wandkalender eingetragen: “3. Dezember, empfindliche Pokalpleite für die Bayern”. Genügend Anlass zur Hoffnung gab es schließlich: Mit Trainer Toppmöller haben die Hamburger endlich wieder realistische Aussichten auf soetwas wie einen zweiten Platz. Die Bayern hatten zuletzt im eigenen Stadion gegen Köln nur ein Unentschieden geschafft, der HSV hat gegen denselben Gegner auswärts gewonnen und danach dem Spitzenreiter ein Unentschieden abgetrotzt. Gäbe es einen besseren Zeitpunkt, die Bayern zu besiegen? Und hat nicht der Pokal sowieso seine eigenen Gesetze? Hat er wohl. Eines davon ist: Gegen die Bayern soll man auf keine Überraschung hoffen.

Also los. Die erste Viertelstunde gegenseitiges Abtasten, das geht in Ordnung. Man hat Respekt voreinander. Dann ein Schuss von Makaay abgewehrt – ist also gar nicht so schlimm, der Holländer. Dann der mustergültige Pass von Barbarez auf Zé Roberto, Schuss Pizarro, man sieht den Ball nicht mehr, aber das Netz zappelt. Kann passieren. Dafür kurz vor dem Wechsel fast der Ausgleich durch Mahdavikia. Das zwischenzeitliche 2:0, das praktisch mit dem Wiederanpfiff reingerutscht war, wäre auch fast vergessen gewesen, wenn nämlich erneut Mahdavikia und dann Takahara aus der Drehung den Ball etwas besser getroffen hätten. Waren wohl schwierig zu nehmen. Gut, und dann das 3:0 durch Salihamidzic, mit dem Hinterkopf, denn hätten sie eh nie gehen lassen sollen...

Die Fans nehmen die eigene Unterhaltung derweil selbst in die Hand. Die Durchsage der offiziellen Zuschauerzahlen (8.000) quittiert der Gästeblock mit einem lakonischen “hier sind zehntausend Hamburger”. Nachdem einzelne “Finale”-Rufe langsam verebben, fordert eine Fraktion nach dem Auswechselschiri schließlich noch die Auswechselfans. Auf der ansonsten verwaisten Gegengeraden sitzt ein auffälliges Grüppchen in weißen Plastiküberzügen und bewegt sich nicht viel. Sie sollen wahrscheinlich in Form eines Sponsorenlogos da hocken (aus der Kurve schlecht zu erkennen). Einer im Block tippt auf Telekom und malt sich aus, wie sich bei denen der Chef mittags ans Mikro setzt und durchgibt: “Wir brauchen bis heute Abend 150 Freiwillige!” Ein Arbeitgeber der alten Schule.

In der sechsundachtzigsten Minute dann völlig unerwartet ein Anruf von Kapitän Scholz auf dem Handy. “Falls Ihr das nicht genau sehen konntet: Das war drei mal eindeutig kein Abseits! Im Fernsehen klar zu sehen!” Der HSV also doch nicht so schwach wie es optisch aussah. Vier Minuten noch. Könnte eine knappe Kiste werden – jetzt zwei schnelle Treffer, dann wäre die Partie wieder offen... Allein: Der Knoten will nicht mehr platzen. Die Bayern nicht überragend, aber trotzdem das übliche 3:0.

Überlege kurz, ob ich die Bayern nicht wenigstens dadurch noch – sozusagen im Nachtreten – schädigen soll, dass ich auf die Wurst verzichte. Völliger Blödsinn. Die Verkäuferin reicht den Kalorienträger mit einem milden “vielleicht klappt’s ja nächstes Mal” über die Theke. Auch schon zwanzig Jahre alt, der Spruch. Dabei war’s selten so knapp wie heute. Zwei schnelle Treffer kurz vor Schluss, und die Partie wäre wieder völlig offen gewesen.

Text und Foto: Martin Kaluza

adjektivisch leicht angereicherte Fassung erschienen in: 11Freunde, 2004

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