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Der Weg nach ganz oben

Karriereoptimierung jenseits des Leistungsprinzips: Feierabendbier, aufgerĂ€umter Schreibtisch, hohe Stirn, Elternhaus. Ein Vier-Stufen-Plan fĂŒr den beruflichen Erfolg

Leistung im Beruf wird belohnt, hört man zumindest immer wieder. Unternehmen fordern in Stellenausschreibungen neben dem ĂŒblichen Blabla mit Vorliebe Leistungsbereitschaft, nicht ohne gleichzeitig auf die Perspektiven hinzuweisen, die dem Mitarbeiter bei entsprechenden Arbeitsresultaten offen stĂŒnden. Wissenschaftliche Studien zeigen indessen: Wege zum Erfolg gibt es viele. Und man muss es nicht gleich mit blinder Arbeitswut versuchen. Betrachten wir ein paar Forschungsergebnisse und zimmern uns dann ein eigenes Bild. Am Ende wird ein vierstufiger Karriereplan stehen, der sich gewaschen hat.

Wissenschaftler der UniversitĂ€t Stirling in Schottland haben herausgefunden: Ob Ihnen Erfolg im Beruf beschieden ist, hĂ€ngt davon ab, wie trinkfest Sie sind. Die Forscher fanden heraus, dass Menschen, die mit ihren Arbeitskollegen "moderat, aber regelmĂ€ĂŸig" trinken, im Schnitt 17 Prozent mehr verdienen als Abstinenzler. Der gemeinsame Gang in die Kneipe fördere nĂ€mlich Vertrauen und Kameradschaft.

Starke Trinker haben gegenĂŒber moderaten zwar einen leichten Nachteil. Allerdings lohnt sich offenbar selbst das krĂ€ftige Zulangen an der Theke. Denn auch das Durchschnittsgehalt exzessiver Trinker liegt der Studie zufolge immer noch fĂŒnf Prozent ĂŒber dem der Antialkoholiker. Die Wissenschaftler hatten 17.000 Menschen befragt, die alle in derselben Woche geboren wurden und zum Zeitpunkt der Studie 45 Jahre alt waren. Eindeutiges Fazit: Wer öfter in die Wirtschaft geht, dem geht es wirtschaftlich besser. Dem kommen wir nur zu gern nach und setzen damit bereits Stufe 1 unseres Plans um. (Nebenbei: eine Qualifikation, die man auch als Arbeitsloser in Eigeninitiative erwerben kann).

Aber es wĂ€re natĂŒrlich gelogen, behauptete man, eine glĂ€nzende Laufbahn ließe sich allein auf Alkohol aufbauen. Wer aufsteigen will, braucht außerdem einen aufgerĂ€umten Schreibtisch. Auch das ist inzwischen erwiesen: Der beliebte Kniff, mit einem chaotischen Schreibtisch GeschĂ€ftigkeit vortĂ€uschen, zieht offenbar doch nicht. Jeder zweite Chef glaubt, dass sich hinter einem voll geschichteten Arbeitsplatz ein unzuverlĂ€ssiger und unprofessioneller Mitarbeiter verbirgt. Wer seine Vorgesetzten beeindrucken will, sollte darauf achten, dass die Tischplatte einen geordneten Eindruck macht. Glaubt man einer Umfrage der UniversitĂ€t Manchester (und welcher Umfrage glauben wir nicht?), bevorzugen zwei von drei FĂŒhrungskrĂ€ften Mitarbeiter mit aufgerĂ€umtem Schreibtisch. Nichts leichter als das. Alte BĂŒroregel: Unangenehme VorgĂ€nge besser gleich in die "Ablage P". Bevor der Chef etwas davon merkt.

Damit ist Stufe 2 unseres Plans gezĂŒndet. Zusammen mit den Kneipenbesuchen mĂŒsste es schon bald in der LohntĂŒte klingeln. Doch das Geld sollten wir nicht gleich auf den Kopf hauen - maßhalten ist gefordert und gezieltes Investieren. Denn es geht noch besser, noch erfolgreicher. NĂ€mlich so:

Wie die Onlineausgabe eines Offline-Nachrichtenmagazins berichtete, hat die Mannheimer Doktorandin Anke von Rennenkampff festgestellt, dass sich Personaler bei Einstellungen unbewusst nach dem Äußeren der Bewerber richten. Die Forsche- rin fand heraus, dass Bewerber mit typisch mĂ€nnlichem Aussehen hĂ€ufig bevorzugt werden. Dies gelte nicht allein fĂŒr MĂ€nner, sondern auch fĂŒr Frauen - ein kantiges Kinn, breite Schultern und eine hohe, etwas eckige Stirn sind gute Voraussetzungen.

BewerberInnen, die ein rundes Gesicht mit weichen ZĂŒgen und Stupsnase haben, mĂŒssen im BewerbungsgesprĂ€ch mit kritischeren Fragen rechnen. Auf der anderen Seite haben sie dann Vorteile, wenn eine "kommunikative, zuhörende, vermittelnde Persönlichkeit" gesucht wird. Doch wer sucht die schon? Also besser selbst aktiv werden: Eine auf rosa Papier erscheinende Wirtschaftszeitung berichtete nĂ€mlich unlĂ€ngst, dass sich vor allem die Schönheitschirurgen ĂŒber die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt freuen dĂŒrften. Sie zitiert den Dankesbrief eines frisch beförderten Bankangestellten an seinen Chirurgen. Und Werner Mang, Chefarzt einer chirurgischen Klinik am Bodensee, der bereits zu einem FĂŒnftel mĂ€nnliche Patienten auf dem Tisch liegen hat, darunter GeschĂ€ftsleute, Ärzte und RechtsanwĂ€lte, sagte dem Blatt: "In den Unternehmen herrscht offenbar ein ziemlicher Druck." Wir halten fest: Stufe 3: Kantiges Aussehen. Das ist nicht ganz so gĂŒnstig zu haben wie die Tabula Rasa und die KneipengĂ€nge, aber im Prinzip machbar. Und es geht noch besser. Bis hierher sind wir nĂ€mlich nur mittlere FĂŒhrungsebene. Jetzt geht es ran an die Topetagen.

Der Soziologe Michael Hartmann hat die LebenslĂ€ufe von Leuten mit Doktortitel untersucht und die Ergebnisse unter dem Titel "Der Mythos der Leistungsgesellschaft" veröffentlicht. Er stellte fest, dass fĂŒr das Erreichen von Spitzenpositionen offenbar die soziale Herkunft eine wichtigere Rolle spielt als Arbeitsergebnisse. Die Top-Karrieristen kommen ĂŒberproportional hĂ€ufig aus dem gehobenen und GroßbĂŒrgertum oder entstammen gleich dem Adel (vielleicht ist das gemeint, wenn in Anzeigen immer von "Exzellenz" die Rede ist). Wir wissen spĂ€testens seit FrĂ©dĂ©ric Prinz von Anhalt: auch die soziale Herkunft kann man kaufen, und notieren fĂŒr Stufe 4 unseres Plans: Rechtzeitig nach einer passenden Adoptivfamilie umschauen!

So langsam ergibt sich also ein scharfes Bild: Die Unternehmen suchen vor allem trinkfeste Aristokraten oder GroßbĂŒrger mit kantigen GesichtszĂŒgen und leerem Schreibtisch. Die sollen sie bekommen. FĂŒr uns bedeutet das insgesamt nicht wenig Aufwand, aber so ist das ja ohnehin meistens bei der ganzen ollen Karriereoptimierung: Wer sich da richtig reinhĂ€ngt, hat praktisch gar keine Zeit mehr, nebenher auch noch irgendwas zu leisten. Und das wird ja auch gar nicht verlangt.

Martin Kaluza

Taz 2004

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