Home
Archiv
Referenzen
Vita
Academics
gefundene Fotos
Auszeichnungen
Links
Kontakt
Impressum

Vorsortierte Texte:
KULTUR >>
SPORT >>
REISE >>
WIRTSCHAFT >>

Information in English:

Die Maschine als Freund

Sie verpassten ihren Robotern ein neues Design. Sie machten sie in der Öffentlichkeit bekannt. Sie revolutionierten das Marketing im Maschinenbau. Und Kuka hat noch viel mehr vor.

James Bond sah schon mal besser aus. Es gab auch schon weniger fĂŒrchterliche Bond-Girls als Halle Berry. Und ĂŒberhaupt ist „Stirb an einem anderen Tag“ in der an Tiefpunkten nicht gerade armen Geschichte des James-Bond-Films ziemlich weit unten angesiedelt. Aber wenigstens gibt es die Roboter. Die stehen etwas unmotiviert in einem ebenso unbegrĂŒndeten GewĂ€chshaus in Island, sind mit Lasern bewaffnet und zerhacken die Luft mit todbringenden Strahlen, wĂ€hrend James Bond und seine Kollegin gegen irgendeinen Bösewicht kĂ€mpfen. Wer jetzt nach dem Wieso und Weshalb fragt, verpasst das Beste: WĂ€hrend sich die Menschen prĂŒgeln, ziehen die großen stĂ€hlernen Arme der Maschinen in eleganten Ellipsen butterweich durch die warme Luft, schwenken bruchlos in immer neue Richtungen, fĂŒhren also, kurz gesagt, ein Maschinenballett auf, das so elegant ist, wie es James Bond frĂŒher selbst war. Und wĂ€hrend man sich noch fragt, wer so schöne Maschinen baut, passiert, was im Zeitalter des Product Placement passieren muss: Auf einem Roboterarm zieht unauffĂ€llig ein Firmenschild ins Bild – Kuka.

Es ist kein Zufall, dass die Filmemacher gerade auf den Augsburger Maschinenbauer kamen: Die Kuka Roboter GmbH hat sich schon frĂŒh Gedanken ĂŒber das Design ihrer Roboter gemacht und den einstigen Klötzen runde, weiche Konturen verpasst. Man muss sich in die InvestitionsgĂŒterbranche hineinversetzen, um zu verstehen, wie ungewöhnlich das ist. Roboter werden zum Beispiel von Automobilherstellern gekauft, und was deren EinkĂ€ufer interessiert, sind technische Daten und ProduktivitĂ€tskennzahlen: Traglast, Beschleunigung, Fertigungstakt, Verringerung der Stillstandzeiten. Ob der Roboter mal in einem Kinofilm mitgespielt hat (alle fĂŒnf Roboter aus dem James-Bond-Film waren Serienmodelle und wurden nach den Dreharbeiten an die Industrie verkauft), ist dabei völlig egal. Zumindest theoretisch.

Praktisch sieht es allerdings anders aus. Denn die Maschinen der verschiedenen Anbieter Ă€hneln sich in ihren technischen Daten. So scheint eine profilierte Markenpolitik, wie sie Kuka seit Jahren betreibt und die gegen die Gepflogenheiten der Branche auch auf die breite Öffentlichkeit zielt, doch zu greifen. Dem Unternehmen hat die Taktik sichtlich gut getan: Aus einem kleinen Hersteller fĂŒr InvestitionsgĂŒter, der 1996 nur wenige tausend Maschinen produzierte, ist inzwischen der europĂ€ische MarktfĂŒhrer geworden. Weltweit steht Kuka auf Platz drei, zuletzt wurden gut 8000 Roboter pro Jahr verkauft. Außerdem verdient der Maschinenbauer sein Geld mit Steuerungen und Software, Schulungen und Service. Die Augsburger steigerten ihren Umsatz in der hart umkĂ€mpften Branche von 320 Millionen Euro im Jahr 2002 auf 420 Millionen im Jahr 2003. Im gleichen Jahr gehörte Kuka zu den 50 deutschen Firmen, die am meisten ArbeitsplĂ€tze geschaffen haben.

Der Chef ein Mathematiker, der schöne Roboter will, weil er stolz auf die Firma ist

Das Unternehmen wĂ€chst rasant, und so wurde vor drei Jahren eine neue Verwaltungszentrale in Gersthofen bei Augsburg gebaut. Bis heute ist die Einrichtung nicht komplett. Die Dame am Empfang erklĂ€rt, dass im Foyer demnĂ€chst noch Kunst aufgehĂ€ngt wird, Thema: Mensch und Maschine. In einer großen Halle nebenan stehen Maschinen fĂŒr Schulungen: Roboter zum Schweißen, Roboter zum Kleben, Roboter zum Lasern, Roboter, die sich zu fĂŒnft synchron mit einem WerkstĂŒck bewegen. Ein paar MĂ€nner stehen um einen Automaten, der aus Kartoffelpulver und Wasser Pommes frites presst und frittiert. An die Halle grenzt ein BĂŒroturm, in dem der Vertrieb untergebracht ist.

Vom neunten Stock aus reicht der Blick ĂŒber den gesamten Ort, in dem sonst nichts so hoch gebaut ist. Bernd Liepert betritt gut gelaunt das Besprechungszimmer, er sieht aus, als kenne er Stress allenfalls vom Hörensagen. Liepert, heute Vorsitzender der GeschĂ€ftsfĂŒhrung, kam 1990 als frisch diplomierter Mathematiker zu Kuka – ein Quereinsteiger, der weichere Bewegungsbahnen fĂŒr Maschinen berechnen sollte, die zuvor nur Geraden und Kreise kannten. Als Liepert anfing, stellte die Firma vor allem Schweißanlagen fĂŒr die Automobilindustrie her. Kuka produzierte zwar schon seit den siebziger Jahren auch Roboter in Serie, allerdings eher nebenher. Das funktionierte, bis die Automobilkonzerne immer stĂ€rker die Produktionskosten senken wollten – in den vergangenen 20 Jahren fielen die Preise fĂŒr einen Roboter um rund 70 Prozent. Das Unternehmen stand vor der Entscheidung, den Roboterzweig aufzugeben oder ihn auszubauen. Man entschied sich fĂŒr die Expansion: 1996 wurde die Kuka Roboter GmbH aus der Kuka Schweißanlagen GmbH ausgegliedert.

Von Anfang an wurde auch am Erscheinungsbild der Roboter gearbeitet. Liepert, der zu dieser Zeit Entwicklungsleiter war, erklĂ€rt das mit dem Stolz auf die eigene UnabhĂ€ngigkeit: „Als wir die Erlaubnis hatten, eine eigene Tochtergesellschaft auszugliedern, haben wir damals in der Entwicklungsabteilung gesagt: Das Produkt muss auch gut aussehen.“ Die Firma engagierte einen Designer und Ă€nderte fĂŒr wenig Geld die Gussformen. „Das neue Design war ein voller Erfolg“, sagt Liepert. „Die ersten Designpreise gewannen wir schon deswegen, weil wir keine Mitbewerber hatten.“ Der Preissegen blieb, auch wenn langsam Mitbewerber dazukamen: Allein im Jahr 2002 bekamen Kuka-Roboter drei IF Design Awards und vier Red Dot Design Awards.

Der Neuanfang war auch ein Selbstdarstellungsproblem. Das galt insbesondere in den Branchen jenseits der Automobilindustrie, in denen die Konkurrenz zum Teil schon lange etabliert war. Gut die HĂ€lfte seiner Roboter liefert Kuka noch heute an die Automobilindustrie, doch der Rest geht an Lebensmittelfabriken, Logistikunternehmen, Hersteller von medizinischen GerĂ€ten oder Holz verarbeitende Betriebe. Bis zum Jahr 2000 war das Ziel, bekannt zu werden und möglichst viele Maschinen zu verkaufen. „Danach haben wir uns nicht mehr groß um StĂŒckzahlen gekĂŒmmert“, sagt Liepert. „Wir haben zwar eine Untergrenze, aber im Moment wollen wir hauptsĂ€chlich neue MĂ€rkte erschließen.“

TatsĂ€chlich findet man Kuka heute dort, wo die Konkurrenz noch gar nicht vertreten ist – und bei Kunden, die eigentlich nie daran gedacht haben, Roboter einzusetzen. Eine neue Zielgruppe soll beispielsweise die Filmbranche sein: EinstĂŒrzende Filmfassaden und bewegliche Teile von Kunststoffmonstern werden heute noch als Einzelanfertigungen gebaut und per Hydraulik von Hand gesteuert. Einiges davon ließe sich mit Robotern aus der Serienproduktion viel gĂŒnstiger konstruieren – und steht erst mal das Programm, kann ein Roboter eine Wand hundertmal genau gleich einstĂŒrzen lassen. Das ist zwar eine Idee, fĂŒr die es noch keinen Kunden gibt, doch in einem anderen Fall hat ein solches visionĂ€res Konzept bereits einen ganz neuen GeschĂ€ftszweig erschlossen: VergnĂŒgungsparks.

Kuka hat den ersten Roboter gebaut, der fĂŒr JahrmĂ€rkte zugelassen ist. Der Robocoaster besteht aus einem Lastenroboter, der 500 Kilo stemmen kann und an dessen Arm zwei Sitze montiert sind. Über einen Bildschirm können die FahrgĂ€ste vor der Fahrt wĂ€hlen, in welchen Figuren sie durch die Luft geschleudert werden, aber trotzdem ist so eine Fahrt ziemlich abenteuerlich: Der Roboter hat sechs Achsen und ist damit enorm beweglich, außerdem sieht der Fahrgast im Gegensatz zu einer Achterbahn nicht, wo er als NĂ€chstes hinfĂ€hrt. Als die Maschine auf der Hannover Messe vorgestellt wurde, waren die Besucher begeistert. Allein als Werbegag wĂ€re die Maschine ein Erfolg gewesen, doch sie wurde auch in den Produktkatalog aufgenommen. Inzwischen sind 60 Robocoaster verkauft, die ersten zehn gingen an das Legoland im dĂ€nischen Billund. Diese StĂŒckzahlen reichten, um die Entwicklungskosten zu decken, und die öffentliche Wirkung ist nicht hoch genug einzuschĂ€tzen. Über einen Achterbahnroboter im Legoland wird eben öfter berichtet als ĂŒber die fast baugleiche Maschine, die in Wolfsburg Motorhauben einpasst.

Kuka wird zur WohlfĂŒhlmarke aufgebaut, damit die Menschen mehr Vertrauen in Roboter haben

Auch das ist im Sinne der MarkenfĂŒhrung: Die Marke Kuka soll Spaß vermitteln. FĂŒr die Industriekunden kommen noch zwei Aspekte hinzu, die von der Breitenwirkung profitieren: Innovation und Sicherheit. Zum einen hat das Unternehmen bewiesen, dass es möglich ist, sich neue MĂ€rkte in Pionierarbeit zu erschließen. Das ist ein Signal an die Kunden, dass Kuka ungewöhnliche Anwendungen fĂŒr Roboter entwickeln kann. Zum anderen hat sich Kuka wĂ€hrend der zweijĂ€hrigen Entwicklung mit dem TÜV abgestimmt, bis der Achterbahnroboter die Zulassung zum Personentransport bekam. Das Ergebnis ist eine kleine Revolution: Zuvor galten Roboter als gefĂ€hrliche Maschinen, von denen der Mensch durch einen Schutzzaun getrennt werden musste – jetzt kann man sich von ihnen fahren lassen. Diese Innovation kann Kuka auch fĂŒr klassische Robotik-Anwendungen nutzen. FrĂŒher war es aus SicherheitsgrĂŒnden nicht möglich, aber heute kann ein Mensch direkt mit einem Roboter zusammenarbeiten. Das beeindruckt auch den Ingenieur, der den Achterbahnroboter fĂŒr eine hĂŒbsche Spielerei gehalten hat.

Ideen, die ein Unternehmen aus den Grenzen der eigenen Branche fĂŒhren, lassen sich schlecht planen. Aber zufĂ€llig entstehen sie auch nicht. „Wir sind in der glĂŒcklichen Situation, dass wir ein junges, hitzköpfiges Team haben. Außerdem muss man sagen, dass unsere Holding, die IWKA, unsere Ideen zu großen Teilen mittrĂ€gt. Wir haben die Freiheit, neue Produkte zu denken, sie in der Vorentwicklung umzusetzen und zu sagen: Lass es uns mal probieren“, erklĂ€rt Liepert. Außerdem treibt den GeschĂ€ftsfĂŒhrer, der als Exot ins Unternehmen gekommen war, eine Vision: „Wir wollen, dass die Hemmschwelle zwischen Mensch und Maschine kleiner wird. Kuka soll eine Marke sein, mit der sich der Mensch wohl fĂŒhlt.“

Liepert stellt sich eine Zukunft vor, in der Roboter nicht nur in der Industrie zu finden sind, sondern als alltĂ€gliche Produkte angesehen werden, die zum Beispiel alten Menschen das Leben erleichtern können. Dass die Roboter nicht mehr nur in einer Fabrikhalle arbeiten, sondern auch auf der Leinwand kĂ€mpfen, ist ein Schritt dahin. Zum Start des James-Bond-Films hatte Kuka in einigen Zeitungen Anzeigen geschaltet, auf denen einer der Sterne zu sehen war, mit denen die Filmstars auf dem Hollywood Boulevard verewigt werden. Auf dem Stern stand: Kuka. „NatĂŒrlich ist das ĂŒbertrieben“, sagt Kukas Pressesprecher JĂŒrgen Schulze. Noch. „Im Moment sind Roboter im Alltag der Menschen kein großes Thema. Aber das wird kommen. Und dann will Kuka ganz vorn dabei sein.“

Martin Kaluza

brand eins, 2005

[home] [Archiv] [Referenzen] [Vita] [Academics] [Galerie gefundener Fotos] [Links] [Kontakt] [Impressum] (c) Martin Kaluza